Meine ATS mit discovering hands

ATS 20

Wie Du selbst Deine Brust systematisch und professionell untersuchen kannst! Wie Du durch eine einstündige Anleitung die Selbstuntersuchung richtig erlernst.

Vorsorgeuntersuchungen sind ein heikles Thema. Die einen können nicht genug davon bekommen, andere möchten am liebsten gar nichts davon hören oder unterstellen entsprechenden Anbietern Abzocke.

Wie meistens im Leben liegt die Wahrheit zwischen den Extremen. So habe ich mal gelesen, dass das Brustkrebsrisiko mit 65 am größten ist. Ab 35 soll es ansteigen und ab 70 wieder sinken. Bei mir ist also das Brustkrebsrisiko hoch. Da ist Vorsorge Pflicht.

Unabhängig vom Alter muss uns Frauen aber auch klar sein: Je früher Brustkrebs entdeckt wird, umso größer sind unsere Überlebens- und Heilungschancen. Den Grundstein dafür legen wir mit unserer monatlichen Selbstuntersuchung. Dafür spricht auch die Statistik, denn bei 70 von 100 Krebsdiagnosen hatten die Frauen zuerst selbst eine Veränderung an der Brust festgestellt. Leider untersuchen aber nur 20 Prozent der Frauen ihre Brust regelmäßig.

Ich gehöre zu diesen 20 Prozent. Allerdings frage ich mich schon lange: Untersuche ich meine Brust überhaupt richtig? Wer kann mir überhaupt sagen, was richtig ist? Nach dem Betrachten von Skizzen oder Beschreibungen, aber auch Animationen im Internet bin ich einfach verunsichert. Es fehlt die persönliche fachliche Anleitung und die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Wie ich unterdessen weiß, bin ich mit diesen Gedanken nicht allein.

Eine Lösung für mein Problem

Mir kommt der Zufall zu Hilfe. Mein Arbeitgeber, das Erlanger Startup missionMED führt gerade das Pilotprojekt „Anleitung zur Taktilen Selbstuntersuchung“ (ATS) durch, in Kooperation mit discovering hands. Da musste ich natürlich nicht erst überlegen, sondern habe sofort auf unserer Website www.missionmed.de einen Termin für die ATS gebucht. Was ich dabei erfahren und erlebt habe, möchte ich an Dich weitergeben. 

Doch der Reihe nach. Falls Du noch nicht von discovering hands gehört hast: das gemeinnützige Unternehmen bildet – aufgrund ihrer besonderen Tastfähigkeiten – blinde und sehbehinderte Frauen zu Medizinisch Taktilen Untersucherinnen (MTUs) aus. Die MTUs werden dann im Rahmen der Brustkrebsfrüherkennung eingesetzt. Dazu gehört auch die Anleitung zur Taktilen Selbstuntersuchung (ATS). Ich erfahre: Wer unter professioneller Anleitung an sich selbst lernt, die Brust systematisch abzutasten, spürt schon früher Veränderungen im Gewebe. Das kann Leben retten.

In guten Händen

Meine Anleitung bekomme ich von Steffi. Sie ist nicht nur Medizinisch Taktile Untersucherin, sondern bildet diese auch am Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte (bbs) in Nürnberg aus. Steffi bricht bereits bei der Begrüßung das Eis. Mir gefällt ihre kesse Berliner Art. Ich könne, wenn ich wolle, mein T-Shirt anbehalten, sagt sie. Das wundert mich allerdings. Wie soll ich denn so die Selbstabtastung richtig erlernen? Wir sind doch nur zwei Frauen ganz allein im Raum. Außerdem ist Steffi blind. Was soll sie mir denn da „abgucken“? Aber ich erfahre von ihr, dass es auch im 21. Jahrhundert Frauen gibt, die sich in solch einer sicheren Situation nicht ausziehen wollen. Darum bietet Steffi allen Frauen die Möglichkeit an, ein T-Shirt anzubehalten. Das sei immer noch besser, als wenn diese Frauen erst gar nicht an einer ATS teilnehmen. Allerdings macht bereits beim ersten Schritt ein freier Oberkörper Sinn. Ich soll nämlich meine Brüste im Spiegel betrachten.

Die Selbstuntersuchung beginnt immer mit dem Betrachten der Brüste im Spiegel. Pia (links) und Tamara.

Bei engagierten Gastgebern

Das ATS-Pilotprojekt findet in einem freundlichen und hellen Raum im Sportstudio Franken Aktiv im Businesspark Nürbanum in der Allersberger Straße in Nürnberg statt. Studioinhaber Burghard Müller liegt nicht nur die Fitness der Nürnberger am Herzen, sondern auch deren Gesundheit. Darum beteiligt er sich an dem Pilotprojekt und stellt den Raum kostenfrei zur Verfügung. Aber nicht nur das.

Doch zurück zu Steffi und mir und dem Spiegel. Im ersten Schritt soll ich die Hände in die Hüfte stemmen und den Oberkörper leicht nach links und rechts drehen. Anschließend heißt es, Arme erheben und hinter dem Kopf verschränken. Dabei sind die Brüste von vorn und von den Seiten zu betrachten. Wenn ich das ab sofort regelmäßig jeden Monat mache, fallen mir Veränderungen auf, erklärt mir Steffi. Doch erst einmal bin ich erleichtert: Bei mir sieht alles gesund und normal aus.

Warum theoretisches Wissen wichtig ist

Jetzt wird es theoretisch: Steffi erklärt mir den Aufbau der Brust und zeigt mir ein Schaubild im Gesundheitsbuch von discovering hands. Nach der ATS kann jede Frau ihr eigenes Buch mit nach Hause nehmen. Darin kann sie noch einmal alles nachlesen und vertiefen. Das ist wichtig, denn ohne Kenntnis der Anatomie macht das Abtasten nicht wirklich Sinn.

An dieser Stelle möchte ich nicht in die Details gehen, aber eins wichtig. Ich muss nicht verunsichert sein, wenn sich Fettgewebe, Bindegewebe, Milchdrüsenläppchen, Milchgänge und die Brustmuskulatur unterschiedlich anfassen. Das ist normal. Auch hängt es vom Alter ab, wie sich welches Gewebe anfühlt. Alles kein Grund zur Panik. Wenn ich jedoch einmal im Monat meine Brust selbst abtaste, werde ich dabei immer sicherer und stelle „echte“ Veränderungen schneller fest. Das gibt mir Selbstvertrauen. Hilfreich ist auch, dass Steffi als Blinde besser beschreiben kann, wie sich was anfühlen kann. Hinzu kommt ihre Berufserfahrung, wenn sie täglich Tastuntersuchungen macht. Weil blind, kann sie das Brustgewebe mit ihren Fingern lesen.

Jetzt wird es ernst

Nun kommen wir zur orientierenden Abtastung beider Brüste, wie es in der Fachsprache heißt. Auch hier möchte ich nicht der ATS vorgreifen, nur so viel: Es geht im Uhrzeigersinn. Senkrecht oberhalb der Brustwarze liegt 12 Uhr. Mit der rechten Hand als Stützhand wird die rechte Brust gehalten und mit der linken Hand als Tasthand, wird nun „Stunde für Stunde mit leichtem Druck das Gewebe abgestriffen. Ich soll außerhalb des Brustgewebes beginnen, immer in Richtung Brustwarze. Stützhand und Tasthand müssen zwischendurch gewechselt werden. Danach das gleiche Prozedere mit der linken Brust. Steffi sagt mir, dass ich immer nach diesem Schema vorgehen und den gesamten Bereich der Brust einschließen muss.

Dafür muss Frau sich Zeit nehmen 

Nachdem ich die Brüste im Stehen untersucht habe, folgt nun das Abtasten im Liegen. Ich begeb mich auf der Massageliege in eine Halbseitenlage. Damit ich bequem und entspannt liege, legt mir Steffi eine gerollte Decke unter das rechte Schulterblatt. Nun werden die Brüste zur genauen Orientierung in vier Zonen eingeteilt. Mit Zeige- und Mittelfinger der Tasthand wird jetzt systematisch in senkrecht verlaufenden und eng nebeneinander liegenden parallelen Linien abgetastet, von senkrecht nach oben bis in die Achselhöhle.

Bis alle vier Zonen nach diesem Schema abgetastet sind, vergeht viel Zeit. Jetzt wird mir klar, warum wir bis zu einer Stunde für solch eine ATS benötigen. Dass es bei den verschiedenen Frauen unterschiedlich lang dauert, hat einen simplen Grund. Je kleiner die Brüste sind, umso schneller geht es. Entsprechend länger dauert es eben bei großen Brüsten, verrät Steffi.

Lymphknoten nicht vergessen

Selbstverständlich wird auch die Brustwarzenregion sorgfältig untersucht. Und last but not least lerne ich auch, wie die Lymphregionen richtig abgetastet werden. Ich erfahre, dass für den Abtransport der Lymphe aus dem Brustgewebe, die Lymphknoten am Schlüsselbein und in den Achselhöhlen zuständig sind. Von Steffi erfahre ich, dass es viele zumeist harmlose Gründe gibt, warum Lymphknoten vergrößert sein können. Diese können jedoch auch auf krankhafte Prozesse in der Brust hinweisen. Mir ist klar, das Abtasten der Lymphregion muss ich genauso ernst nehmen wie das Abtasten der Brust.

Pia (rechts) macht Tamara vor, wie sie die Lymphregion unter der Achselhöhle richtig abtastet.

Geschafft! Wie es weiter geht!

Mit dem Abtasten der Lymphregionen ist die Anleitung zur Taktilen Selbstuntersuchung abgeschlossen. Die 45 Minuten sind wie im Flug vergangen. Ich bekomme jetzt von Steffi das Gesundheitsbuch, das wir beim theoretischen Teil bereits benutzt haben. Ich freue mich, dass ich alle Informationen noch einmal in Ruhe nachlesen und vertiefen kann. Eine sehr gute Idee ist das Kalendarium, in das monatlich entsprechende Bemerkungen eingetragen werden, aber auch in der Skizze Veränderungen an der Brust eingezeichnet werden können.

Zum Abschied gibt mir Steffi noch den wichtigen Hinweis mit auf den Weg, dass ich mir einmal im Monat wirklich eine entspannte Stunde Zeit nehmen soll. Natürlich ist mir klar, dass diese systematische Selbstuntersuchung nur etwas bringt, wenn ich sie regelmäßig mache. Aber ich weiß auch, dass es am Anfang etwas langsamer gehen wird. Schließlich macht nur die Übung den Meister. Steffi empfiehlt mir, nach einem Jahr noch einmal eine ATS zu machen. Das macht Sinn, denn womöglich schleichen sich mit der Zeit Fehler bei der Selbstabtastung ein. Da ist es gut, sich nochmals schulen und kontrollieren zu lassen.

Jede Teilnehmerin bekommt solch eine Gesundheitsbuch mit nach Hause.

Was es noch zu sagen gibt

Nach der ATS komme ich noch ins Gespräch mit anderen Frauen. Die Rezeption eines Sportstudios ist eben ein guter Treffpunkt zum Meinungsaustausch. Und so erfahre ich, dass andere Frauen sich die gleichen Fragen stellen. Ich merke, dass es Frauen gibt, denen solch eine Selbstuntersuchung wichtig ist und neues Wissen begierig aufsaugen. Es gibt aber auch Frauen, die der Meinung sind, ihr jährlicher Besuch beim Frauenarzt reiche vollkommen aus. Aber egal welche Einstellung, jede Frau kennt irgendwo eine Frau mit Brustkrebs. Es sind Geschichten mit Genesung, Heilung aber auch Verzweiflung und Tod. Das Thema Brustkrebs lässt keinen kalt. Entsprechend positiv bis euphorisch war das Feedback der Teilnehmerinnen auf die ATS-Aktion von missionMed, discovering hands und Franken Aktiv.

Besonders freut mich aber auch, dass sich die Medizinisch Taktilen Untersucherinnen, die aus Karlsruhe und Berlin kamen, sich von Franken Aktiv und missionMED sehr gut betreut gefühlt haben. Burghard und Janette Müller und ihr Team haben sich vor Ort rührend um die blinden Frauen gekümmert. Auch ich habe sie sehr gern unterstützt und überall geholfen, wo nötig. Während dieser Aktion wurde uns als Sehenden nämlich erst so richtig bewusst, wie viele Hürden und Barrieren Blinde im Alltag zu nehmen haben und wie schlecht wir uns normalerweise in sie hineinversetzen können.

Ziel des gemeinsamen Pilotprojektes ist es übrigens, in Zukunft solche öffentlichen Aktionen deutschlandweit anbieten zu können. Ob dies funktioniert und was besser oder anders gemacht werden müsste, soll in dem Pilotprojekt eruiert werden. Die positive Resonanz von allen Beteiligten und allen Teilnehmerinnen gibt unserem Startup den Optimismus, dies tatsächlich zu erreichen. 

Simone Duve 

P.S. Natürlich konnte ich mich nicht selbst bei meiner ATS fotografieren. Darum bin ich Pia aus Berlin als MTU und Tamara aus Nürnberg als Teilnehmerin sehr dankbar, dass ich sie bei der ATS fotografieren durfte. Ich möchte mich besonders bei den Beiden dafür bedanken, dass sie mir auch erlaubt haben, die Fotos zu veröffentlichen. Nochmals vielen Dank dafür.

Zur Aktion: Brustkrebsvorsorge in Erlangen

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